Viele traumatisierte Menschen haben erlebt, dass ihre psychischen aber vor allem auch körperliche Grenzen überschritten und verletzt worden sind. Der eigene Wille, Wünsche ein Nein nicht respektiert worden ist. Solche Verletzungen entstehen bei jeglicher Art von Übergriffen, oft aber auch durch Ersthelfer, Rettungskräfte, Ärzte z.T. um Leben zu retten. Das Ergebnis ist, dass die Betroffenen mehr und mehr das Vertrauen in ihren eigenen Körper verlieren oder sich sogar „bewusst“ von ihrem Körper distanzieren. Der eigene Körper oder einzelne Körperteile werden als nicht zugehörig wahrgenommen, als ein Gegenstand. Diese Trennung kann erstmal als Erleichterung empfunden werden, weil damit auch der Schmerz und die Verletzung aus der traumatischen Situation weggeschoben werden kann, weniger als Teil der eigenen Geschichte sichtbar ist. Kurzfristig gibt es also einen Gewinn, aber langfristig entstehen körperliche Herausforderungen, denn psychische Themen sind stets mit unserem Körper und dessen Wohlbefinden verbunden.
Genau hier setzt Körperarbeit an. Es geht dabei nicht darum direkt im Körper festsitzende traumatische Situation aufzuarbeiten, sondern vielmehr überhaupt wieder ein Gefühl dafür zu bekommen, was dem eigenen Körper guttut. Das gelingt schon über so einfache Übungen wie Kniebeugen: welche Tiefe fühlt sich gut an, wo spüre ich Spannung in den Beinen, wo melden sich die Knie, wo kann ich die Position einen Moment halten? Was passiert, wenn ich eine Ferse anhebe, auf einer gerollten Matte stehe etc.? Dabei gilt es immer wieder auch den Fokus darauf zu legen, dass es kein „richtig oder falsch“ gibt, sondern das, was jetzt in dem Moment zum jeweiligen Körper passt, zum Gesundheitszustand oder auch zur Stimmungslage. Für die meisten Traumatisierten ist es „neu“ bzw. neu zu erlernen, dass sie Stopp sagen dürfen und das ihre eigenen Grenzen respektiert werden und – noch viel wichtiger – dass sie ein Recht auf diese haben und diese auch kommunizieren dürfen.

Auch der eigene Raum, den jeder braucht um sich mit seinem Körper wohlzufühlen ist dabei zentral. Wieviel Platz möchte ich um mich haben, wenn ich in Bewegung gehe, wie viel Nähe und wie viel Distanz zu anderen brauche ich? Es ist dabei durchaus möglich, dass Betroffene zunächst im eigenen Raum Zuhause arbeiten möchten nur mit verbaler Anleitung oder via Zoom oder auch nur in einem 1:1 Setting. Tatsächlich weiß ich aus eigener Erfahrung, dass es für mich essenziell war meinen „Raum“ zu kennen, damit ich an Fortbildungen teilnehmen konnte zur Körperarbeit. Letztlich entspricht dieser Raum, den der Körper sich wünscht aber meist auch dem den unsere Psyche brauchen würde, wenn sie mit uns reden dürfte. D.h. Körperarbeit kann auch hier sehr wichtige Informationen geben über Bedürfnisse, die sich sonst nicht zeigen und dabei einen großen Beitrag zu einem gelungenen Alltag leisten könnten.
Dies gilt auch für eine weitere Komponente, nämlich Loslassen. Loslassen bedeutet nicht, das Trauma zu vergessen, aber es geht darum, den stark unter Anspannung stehenden Strukturen im Gehirn, die im Trauma festhalten und Angstkreise verstärken auf sanfte Art entgegenzutreten. Dazu ist auf der körperlichen Ebene gar nicht viel nötig: schon einfache „Schwungübungen“ z.B. die Arme vor und zurück schwingen kann hier Gefühle von Leichtigkeit vermitteln und damit zu einer Entspannung des Gesamtsystems führen. Auch abwechselnde rechts-links Bewegungen wie beim Skaten oder Schlittschuhlaufen oder auch einfach nur „Trommeln“ sind hier hilfreich und können – unterstützt mit einer Lieblingsmusik – das Gesamtsystem entlasten und wieder mehr Vertrauen in den eigenen Körper herstellen.

Körperarbeit kann aber auch durch achtsames Herantasten mit gezielten Übungen helfen im Körper festsitzende Traumata loszulassen, die z.B. Rückenschmerzen, Knie oder Nackenprobleme verursachen. Mir hilft dabei in der Arbeit mit Klient*innen das Wissen über Faszien als Verbindungslinien im Körper aus der westlichen Medizin in Kombination mit Kenntnissen über den Verlauf von Meridianen und den Organen als Sitz von Emotionen aus der traditionellen chinesischen Medizin, wie sie auch in der Akkupunktur genutzt werden. Und natürlich Informationen, die ich von Klient*innen bekomme, zum Erlebnis oder aktuellen Schmerzpunkten. Bei der Körperarbeit „übersetze“ ich diese in dazu passende Übungen, so dass Klient*innen mit der Bewegung den aktuell für sie und ihren Körper passenden Freiraum wieder oder neu entdecken können. Dabei eine ganz wichtige Botschaft: Es ist richtig und völlig okay, wenn dabei auch Emotionen hochkommen, z.B. hat unlängst einmal eine Teilnehmerin angefangen zu zittern und zu weinen, weil durch Übungen Erinnerungen hochkamen, die noch im Körper festsaßen. Ganz ehrlich aus meiner Sicht ist das ein großes Geschenk auch wenn es in dem Moment unangenehm sein mag, aber genau in der Situation lernst entsteht Raum, denn jeder Schmerz, jede Wut, jeder Ärger der sich zeigt hat erstens ein Recht darauf gewürdigt zu werden, zweitens be- und verarbeitet zu werden und drittens wenn es passt gehen zu dürfen und damit Freiraum für neues zu schaffen.

Falls du Lust hast eine besondere Form der Körperarbeit einmal an dir selbst auszuprobieren, lade ich dich ein, dir meinen Fachartikel zum Emotionalen Entmüllen einmal anzuschauen und die Übungen auszuprobieren, die sich für dich stimmig anfühlen.
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